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  • Schwierigkeitsgrad Fortgeschrittene

5.1   Kutane Lymphome

Last Updated: 22-05-2014

Synonyme, Schlüsselwörter und verwandte Bezeichnungen

Lymphom, Lymphoma

Zusammenfassung

Maligne Lymphome sind Erkrankungen des hämatopoetischen Systems, die im Verlauf rasch fortschreitender Erkenntnisse zur Ontogenese lymphatischer Zellen von den Stammzellen zu den peripheren Lymphozyten und ihren Subtypen einem dauernden Wandel von Klassifikationen der nosologisch und zytogenetisch unterschiedlichen Entitäten unterworfen war und in Zukunft auch bleiben wird. Ein primärer oder ausschließlicher Befall des Hautorgans wurde zu früheren Zeiten nur bei der Mycosis fungoides angenommen. Heute wissen wir, dass sich fast alle lymphoproliferativen Erkrankungen auch primär an der Haut manifestieren und lange Zeit auf diese beschränkt bleiben können. Sie werden in Anlehnung an die WHO-Klassifikation von Erkrankungen des hämatopoetischen Systems nach der WHO/EORTC-Klassifikation eingeteilt werden (Willemze, Jaffe et al. 2005, LeBoit, Burg et al. 2006).

Zeittafel

Im Folgenden die Zeittafel der wichtigsten Eckdaten.

Zeittafel: Kutane Lymphome
1575Ambroise Paré (1510-1590), ein "Barbier und Chirurg" berichtet in seinem Buch "Des tumeurs contre nature" Vol. I, Book 5, chapt. 21 über Fleischgewächse: "Sarcoma, autrement dit Fungus est une excroissance de chair, qui vient de l´aliment propre de la partie, où elle (naist) naît."
(Sarkom, auch Schwamm ([Fungus] genannt, ist ein Gewächs des Fleisches, welches sich selbst aus dem Gebiet ernährt, in dem es entsteht.)
Kommentar: Hierbei kann es sich um jede Art von Weichteiltumoren einschließlich systemischer Neoplasien wie Lymphome mit Hautbefall gehandelt haben.
17. Jh.Jakob Bontius (1592-1631) aus Leyden berichtet über in Ostindien beobachtete Veränderungen, die wir heute vermutlich den kutanen Lymphomen (KL) zuordnen würden.
1658Guglielmo Piso beschreibt in seinem Buch "De Indiae Utriusque Re Naturali et Medica" (Amsterdam) die Beobachtungen von Bontius.
Kommentar: Publikation nach dem Tod von Bontius.
1806Jean-Louis Alibert (1768-1837), der als Begründer der Dermatologie in Frankreich gilt, beobachtet bei seinem Patienten Lucas 2 Phasen des Krankheitsverlaufes: 1. Tumoren von kompakter, fester Konsistenz und 2. Tumoren mit pustulöser Ulzeration und übel riechender Autolyse (Alibert 1806).
Kommentar: In späteren Publikationen seiner Krankheitsbeobachtung bezieht sich Alibert auf die früheren Beobachtungen von Bontius und spricht von Pian fungoide und von Mycosis fungoides und deutet sie als Europäische Variante der Framboesie, einer treponemalen "Schwesterkrankheit" der Syphilis.
1869Xavier François Gillot (1843-1910) identifiziert in seiner "Thèse pour le doctorat en médecine: Étude sur une affection de la peau décrite sous le nom de Mycosis fongoïde" zusammen mit Ranvier (1835-1922) die Mycosis fungoides als eine "lymphadéenie cutanée" neben einer "lymphadéennie ganglionnaire" der Lymphknoten und einer "lymphadénie leucocythémiques" des Blutes und der Milz.
Kommentar: Diese frühe Zuordnung zum lymphatischen System wird in der später aufkommenden Diskussion der Mycosis fungoides als eine Form einer "granulomatösen Retikulose" völlig vernachlässigt.
1870Pierre Antoine-Ernest Bazin (1807-1878) trennt ein erythemateuses Stadium (I), Plaques-Stadium (II) und ein Tumor-Stadium (III) bei 10 Patienten mit Mycosis fungoides (Bazin 1870).
1871Rudolf Virchow (1821-1902) prägt den später auch von Theodor Billroth (1829-1894) benutzten Begriff "Lymphadenome" oder "Lymphome".
Kommentar: Es wurden hierunter grundsätzlich entzündliche Schwellungen der Lymphknoten verstanden.
1884Erste Beschreibung der Histopathologie der Mycosis fungoides durch Heinrich Köbner, Erlangen (1838-1904).
1885Eduard Rindfleisch (1836-1908), der 1859 bei Virchow promoviert hatte, sieht die Pathogenese der Mycosis fungoides in Zusammenhang mit Streptokokken (Rindfleisch 1885).
1885Jean Baptiste Emile Vidal (1825-1893) und Louis Brocq (1856-1928) prägten in ihrer "Etude sur le mycosis fongoïde" den Begriff der "Mycosis fungoides d’emblée" (Vidal and Brocq 1885).
Kommentar: Nach unserem heutigen Verständnis handelt es sich bei diesen Formen um anaplastische großzellige CD30-positive Lymphome, die ebenfalls eine überwiegend gute Prognose mit langsamem Verlauf haben.
1892Ernest Henri Besnier (1831-1909), (Besnier and H 1892) sowie Francois Henri Hallopeau (1842-1919) beschreiben eine erythrodermische Variante der Mycosis fungoides (Hallopeau 1892).
Kommentar: Die Grenzen zwischen einer erythrodermischen Verlaufsform der klassischen Mycosis fungoides und einer nicht leukämischen Form des Sézary-Syndroms sind nicht klar. Beim Sézary-Syndrom ist die Haut von Anbeginn total erythrodermisch, während sich bei einer erythrodermischen Variante der Mycosis fungoides durch Konfluenz einzelner Herde erst sekundär eine Erythrodermie entwickeln kann.
19. JhZahlreiche Synonyme wurden zur Bezeichnung der Mycosis fungoides verwendet: Granuloma fungoides (Auspitz, Neisser). Hans von Hebra jun. (1847-1902) hält die Mycosis fungoides für einen "Sammeltopf papillärer Proloferationen". Kaposi (1837-1902) sieht keine wissenschaftliche Grndlage für die französische Theorie der Lymphadénie cutanée. Duhring (1845-1913) spricht von "Inflammatory fungoid neoplasm" (1879).
1902Brocq (1856-1928) wählte die Bezeichnung "Parapsoriasis", um eine Gruppe von Krankheiten zu definieren, die klinisch an Psoriasis, seborrhoisches Ekzem oder Lichen erinnerten. Neben einer Übersicht der amerikanischen, französischen und deutschen Literatur beschrieb er 10 eigene Fälle. Er definierte 3 Gruppen: (1) parapsoriasis en gouttes (guttate parapsoriasis); (2) parapsoriasis lichenoides und (3) parapsoriasis en plaques. Im Hinblick auf die frühen Formen der kutanen T-Zell-Lymphome (Mycosis fungoides) ist hierbei nur die 3. Gruppe (parapsoriasis en plaques) von Relevanz (Specker RM 2007), die wiederum in 2 neurologisch unterschiedliche Varianten unterschieden werden kann: (a) eine kleinfleckige Variante mit unverändertem klinischen Bild über Jahre und Jahrzehnte und ohne Tendenz zur Entwicklung in eine Mycosis fungoides; dies ist der eigentliche Morbus Brocq; (b) die großflächige Variante, bei der es sich um eine Frühform der Mycosis fungoides handelt, und die sich entsprechend der bekannten Dynamik dieser Erkrankung im Laufe der Zeit in ein infiltratives beziehungsweise Tumorstadium entwickelt.
Kommentar: Beim Morbus Brocq handelt es sich um das prämaligne Stadium der Mycosis fungoides, vergleichbar mit dem Morbus Dubreuilh als Vorstufe eines malignen Melanoms. Zu diesem Thema gibt es zahlreiche kontroverse Standpunkte (Burg and Dummer 1995, Ackerman 1996).
1908Ilja Iljitsch Metschnikow (1845-1916) erhält den Nobelpreis für seine Untersuchungen zur Phagozytose.
Kommentar: Diese Entdeckung war der Grundstein zu späteren Arbeiten über das Retikulo-endotheliale/histiozytäre bzw. das Monononukleäre Phagozyten-System (RES, RHS, MPS). Ein weiterer Meilenstein waren die Arbeiten von Alexander Maximow (1874-1928) zur Haematopoese.
1938Albert Sézary (1880-1956) und Y. Bouvrin (Sezary and Bouvrain 1938) stellen bei der Sitzung der Société de Dermatologie et de Syphilographie am 13. Februar 1938 eine 58-jährige Patientin vor, mit einer seit 2 Monaten bestehenden Erythrodermie vor. Daneben bestehen Juckreiz, Ödeme, Papeln, Purpura, eine Alopezie seit 20 Jahren, bilaterale Lymphadenopathie und "avec présencede cellules monstrueuses dans le derme et le sang circulant".
Kommentar: Eine gleichartige Beobachtung hatte bereits 1937 Baccareda in Genua gemacht. Seine Publikation unter der Bezeichnung "Reticulohistiocytosis cutanea hyperplastica benigna cum melanodermia" hat außerhalb Italiens kaum Beachtung gefunden.
Sehr viel früher hat Leo von Zumbusch (1874-1940) im Rahmen einer Sitzung der Münchner Dermatologischen Gesellschaft am 9. März 1914 über einen 71 -jährigen Patienten mit "Leukemia cutis" berichtet, gekennzeichnet durch seit 6 Monaten bestehender Erythrodermie, Leukozytose mit Lymphozytose, lymphoiden Hautinfiltraten, Haarausfall und Hyperkeratosen.
1839F. Woringer und P. Kolopp beschreiben "Lesion erythemato-squameuse polycyclique de l'avant-bras evoluant depuis 6 ans chez un garconnet de 13 ans" (Woringer and Kolopp 1939).
Kommentar: Die Bezeichnung "Pagetoide Dermatose bzw. Retikulose" für diese umschriebene Variante einer Mycosis fungoides wurde von Braun-Falco, Marghescu et al. (1972, 1979) geprägt und weiter als T-Zell-Lymphom charakterisiert. Sie ist nosologisch klar von der bereits 1931 von Ketron und Goodman (Ketron and Goodman 1931) beschriebenen disseminierten Variante der Mycosis fungoides mit pagetoidem Infiltratmuster abzutrennen.
1957, 1960Degos (Degos 1957) und Gottron (Gottron 1960) definieren neben der Mycosis fungoides die malignen Retikulosen und Retikulosarkome.
Kommentar: Diese Terminologie stützt sich auf Untersuchungen aus der Hämatopathologie der 1920er Jahre zum Retikulo endothelialen/histiozytären System (Aschoff, Letterer) und 1930er Jahre (Robb-Smith, Rössle).
1969-80Die zytochemische und immunzytochemische Differenzierung mononukleärer Zellen in den 1960er Jahren in Verbindung mit der rasanten Entwicklung monoklonaler Antikörper in den 1970er Jahren revolutionierte die Interpretation der Histo- und Zytomorphologie und ermöglichte die Darstellung der Ontogenese der Blutzellen von den Stammzellen zu den peripheren T- und B-Lymphozyten mit ihren Subentitäten.
Kommentar: Der ersten allgemein akzeptierten noch rein morphologischen Klassifikation der Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) von Henry Rappaport (1956, 1966) (Rappaport 1966) folgten Lymphomklassifikationen, die immunzytoschemische und funktionelle Befunde und die Ontogenese der Blutzellen von den Stammzellen zu den peripheren T- und B-Lymphozyten mit ihren Subentitäten berücksichtigten: Kiel-Klassifikation (Gérard-Marchant 1974), Lukes und Collins (Lukes 1974), Working Formulation (Working Formulation 1982), R.E.A.L-Klassifikation (Harris, Jaffe et al. 1994), WHO-Klassifikation (Jaffe, NL Harris et al. 2001).
1968Lutzner und Jordan identifizieren die Ultrastruktur der atypischen Lymphozyten mit zerebriformen Kernen im peripheren Blut von Sézary-Patienten (Lutzner and Jordan 1968).
1968Macaulay beschreibt eine chronische Dermatose mit spontan rückbildungsfähigen Papeln ("rhythmic paradoxieal eruptions"), die histologisch einem hochmalignen Lymphom mit Hodgkin-artigen atypischen lymphoiden Zellen entsprechen, die "Lymphomatoide Papulose" (Macaulay 1968).
Kommentar: Gleichartige Beobachtungen waren bereits zuvor von Dupont als "Langsam verlaufende und klinisch gutartige Reticulopathie mit höchst maligner histologischer Struktur" (Dupont 1965) und von Verallo als "Mucha-Habermann's disease simulating lymphoma cutis" (Verallo and Haserick 1966) mitgeteilt worden.
1974Entwicklung des CTCL- (cutaneous T-cell lymphoma) Konzeptes in den USA (Edelson, Lutzner et al. 1974).
Kommentar: Im Gegensatz zu dem Europäischen Konzept führte dies zu einer Uniformierung von nosologisch und funktionell völlig unterschiedlichen Entitäten. Die Existenz primärer kutaner B-Zell-Lymphome – im Sinne der früheren "Retikulosen" im französischen und deutschsprachigen Schrifttum wird irrtümlicher Weise abgelehnt.
1978"Granulomatous slack skin" (Ackerman 1978).
Kommentar: Dieser Subtyp eines kutanen T-Zell-Lymphoms war bereits früher beschrieben worden von Bazex als "Chalazodermie granulomateuse“ (Bazex, Dupre et al. 1968) und von Convit als "progressive atrophying chronic granulomatous dermohypodermitis" (Convit, Kerdel et al. 1973).
1983Zytochemische und immunzytologische Klassifikation kutaner Lymphome auf der Basis eines B- und T-Zell-Infiltratmuster in der Haut und in Anlehnung an die Kiel-Klassifikation (Burg and Braun-Falco 1983).
1984Gründung der EORTC Cutaneous Lymphoma Study Group (G. Burg, München and H. Kerl, Graz).
1992Gründung der International Society for Cutaneous Lymphomas (ISCL) New York. Website der ISCL
1997EORTC-Klassifikation kutaner Lymphome.
2005WHO/EORTC-Klassifikation kutaner Lymphome (Willemze, Jaffe et al. 2005, LeBoit, Burg et al. 2006, Burg, Kempf et al. 2005).
Kommentar: Diese neuen Klassifikationen orientieren sich an der WHO-Klassifikation nodaler Lymphome, berücksichtigen aber die nosologischen und prognostischen Besonderheiten der kutanen Entitäten.

 

Literatur

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Bazex A, Dupre A et al. "Chalazodermic Besnier-Boeck-Schaumann disease?" Bull Soc Fr Dermatol Syphiligr 1968; 75(4): 448-449.
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Working Formulation. "The non-Hodgkin’s lymphoma pathologic classification project.National Cancer Institute sponsored study of classification of non-Hodgkin’s lymphoma. Summary and description of Working Formulation for clinical usage." Cancer 1982; 49: 2112-2135.

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