Andrologie, Andrology
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Schwierigkeitsgrad Fortgeschrittene
2.1 Geschichte der Andrologie
Walter Krause, Marburg
Zusammenfassung
Der Begriff Andrologie taucht erstmals 1887 in der medizinischen Literatur auf. Er wird von Anfang an als Pendant zur Gynäkologie zur Beschreibung spezifisch männlicher Krankheiten gebraucht. In Deutschland fasst die Andrologie um 1950 Fuß; ihre Protagonisten sind zuerst Gynäkologen und Dermatovenerologen. Als wichtige Namen sind Harald Siebke, Paul Jordan und Carl Schirren zu nennen. 1992 wird die European Academy of Andrology (EAA) gegründet. 2003 beschließt die Bundesärztekammer die Einführung einer Zusatzbezeichnung Andrologie, die neben den Dermatologen auch Urologen und Endokrinologen erwerben können. Das Schwergewicht klinischer und wissenschaftlicher andrologischer Aktivität hat sich in den letzten Jahren zur Urologie hin verschoben.
Einführung
Andrologische Themen (vom griechischen Ο ανερ, του ανδροσ - der Mann) finden sich schon früh in der Literatur. Im 3. Buch Moses wird der Samenfluss (Gonorrhoe) als eine Krankheit erwähnt, die eine Verstopfung der Samenwege hervorrufen kann (Γονοσ - Samen, ρηοε - fließen). Celsus bespricht in seinem Werk "De medicina" die Sexualität des Gesunden, Sexualpathologien, einige Medikamente. Die Unterscheidung der "Potentia coeundi" und der "Potentia generandi" war noch nicht bekannt; bis in die Neuzeit hinein wird irrtümlicherweise die Fertilität des Mannes an seiner sexuellen Potenz gemessen (Mazzini 2001).
Eine spezielle Betrachtung der Andrologie (und der Gynäkologie) wird durch die bis ins 19. Jahrhundert gültige Ansicht der Medizin, dass Männer- und Frauenkörper grundsätzlich ähnlich sind (Ein-Geschlechts-Modell der Humoralpathologie), verhindert. Diese Sicht wurde mit der Entwicklung der Gynäkologie modifiziert.
"Die Andrologie stellt als Pendant zur Gynäkologie eine Übersetzung des medizinischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit in die disziplinäre Ordnung der Biomedizin dar: menschliche Körper werden als biologisch männlich oder weiblich klassifiziert und bedürfen einer geschlechtsspezifischen Versorgung." (Wöllmann 2007).
Zeittafel
Im Folgenden die Zeittafel der wichtigsten Eckdaten.
| 1677 | Mit der Entdeckung des menschlichen Spermiums durch Johan Ham wird eine der Grundlagen der modernen wissenschaftlich begründeten Andrologie gelegt (Schirren 1989). |
| 1850 | Brown-Sequard postuliert die Existenz von Substanzen, die entfernte Organe über den Blutkreislauf erreichen (heute als Hormone bezeichnet). Männer entdecken die Versprechungen der Verjüngung durch Behandlung mit Keimdrüsenextrakten. |
| 1887 | Jamieson verwendete in der medizinischen Literatur erstmals den Begriff "Andrologie" in einer ‘Lecture introducing a course in obstetrics at Melbourne University, 25th March 1887’: "In addition, therefore, to general anthropology, or the study of human beings, as distinguished from other animals, we might properly enough speak of andrology and gynaecology, as being concerned with the study of the physical and mental pecularities of men and women, respectively." |
| 1891 | Es erscheint im Journal of the American Medical Association ein Editorial "Andrology as a specialty", dieses gibt auch einen Hinweis auf eine "Section of Andrology in the Congress of American Physicians and Surgeons". |
| 1902 | Edward Martin (Philadelphia, 1859-1938) publiziert eine Monografie "Surgical treatment of sterility due to obstruction of the epididymis". Darin findet sich der Hinweis auf die zwei Ursachen der Azoospermie: Obstruktion und Versagen der Spermatozoenproduktion (Jequier 2008). |
| 1923 | Walker publiziert seine Monografie "Diseases of the male organs of generation". In seinem Vorwort schreibt er: "Although gynaecology, or the study of diseases of the female genitalia, has long been recognized as a definite branch of surgery, with a separate literature on its own, andrology, or the study of diseases of the male organs of generation, has not received the recognition that will one day be accorded to it." |
| 1951 | Harald Siebke, Professor für Gynäkologie in Bonn, verwendet den Begriff Andrologie zuerst expressis verbis in deutscher Sprache. Er ist ebenfalls der Meinung, dass die Andrologie in Partnerschaft zur Gynäkologie stehe (Günther et al. 1979). Die Integration der Andrologie in die Dermatologie wird mit der Bindung der Venerologie an die Dermatologie und mit der Infertilität des Mannes nach gonorrhoischer Epididymitis erklärt. Immerhin wurde bereits 1934 im Deutschen Reich der Geburtenausfall durch Gonorrhoe auf 40-50.000 pro Jahr geschätzt (Müller 1957, ohne genaue Angaben über die Herkunft der Zahlen). |
| 1960 | Für die Promotion der Andrologie innerhalb der Dermatologie sind vor allem zwei Namen von Bedeutung: Paul Jordan (1902-1975; Abb. 1), Ordinarius der Dermatologie in Münster erzählt: "Als ich vor über 40 Jahren junger Assistent in Breslau war, spielte die Untersuchung des männlichen Samen eine nur gelegentliche Rolle: In der Münsteraner Hautklinik wurden 1938-1947 662 Ejakulatuntersuchungen durchgeführt." Er machte die Andrologie zu einem Schwerpunkt der Dermatologischen Klinik Münster. Auch er betonte den Wert einer Kooperation zwischen Andrologen und Gynäkologen: "Die Andrologie gedeiht nicht für sich allein, sie wächst am besten in enger Zusammenarbeit mit der Gynäkologie!" (Niemann 1966) |
| 1966 | Der andere Protagonist ist Carl Schirren, *1922 (Abb. 2), der den Lehrstuhl für Andrologie in Hamburg 1966-1987 innehatte. Er hat durch zahlreiche Publikationen, Vorträge, Bücher nicht nur innerhalb der Dermatologie, sondern auch in vielen anderen medizinischen, naturwissenschaftlichen und politischen Gremien auf die Sonderstellung der Andrologie aufmerksam gemacht. Er gründete 1969 die Zeitschrift "andrologia", das erste Publikationsorgan für ausschließlich andrologische Themen. 1966 kam es zur Gründung einer "Andrologischen Vereinigung" in der DDG. Die 35. Tagung 1988 anlässlich des hundertjährigen Bestehens der DDG in München erlebte die Gründung des Arbeitskreises Andrologie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Ende der 1960iger Jahre gab es in 5 dermatologischen Universitätskliniken (München, Tübingen, Gießen, Münster, Hamburg) wissenschaftlich aktive Einrichtungen für Andrologie. Vergleichbare Zahlen von anderen Fachdisziplinen oder anderen Ländern liegen leider nicht vor. |
| 1971 | Parallel dazu entstanden Strukturen in der DDR. Einige Andrologen beriefen nach Konsultation mit dem Vorstand der Gesellschaft für Dermatologie eine konstituierende Sitzung einer Arbeitsgemeinschaft Andrologie nach Halle ein (Günther et al. 1979). |
| 1970 | Lange Zeit ist die dermatologische Andrologie ein deutscher Sonderweg. Erst später werden auch andere medizinische Disziplinen auf diese Subspezialität aufmerksam. Es erfolgt die Gründung der CIDA (Comité international d‘ andrologie), 1981 Umbenennung in ISA (International Society of Andrology). Website der ISA |
| 1992 | Die European Academy of Andrology (EAA) wird ins Leben gerufen, um die Institutionalisierung der Andrologie als klinisches Fach voran zu bringen. In ihrer Gründungscharta heißt es: "Andrologie umfasst die Gebiete der Wissenschaft und der Medizin, die sich mit den reproduktiven Funktionen des Mannes unter physiologischen und pathologischen Bedingungen beschäftigen". Website der EAA Als eine Hauptaufgabe sieht die EAA die Institutionalisierung von Klinischen Zentren, die "Andrologen" ausbilden können. Als wissenschaftliche Plattform fungiert das International Journal of Andrology, von dem 2014 der 36. Jahrgang erscheint. |
| 2003 | Auch wenn wissenschaftlich und klinisch die Probleme der männlichen Fertilität im Mittelpunkt der Andrologie standen – und gerade in der dermatologischen Andrologie noch heute stehen – verschob sich der Fokus auf weitere Felder der Störungen männlicher Sexualfunktionen: Erektionsstörungen und Ejakulationsstörungen, Störungen der männlichen Pubertät und der Hypogonadismus, die männliche Seneszenz, Krankheiten der männlichen akzessorischen Geschlechtsorgane und Krankheiten der männlichen Brust. Da diese Bereiche vor allem in der Urologie und der Endokrinologie betreut wurden, erarbeiteten die wissenschaftlichen Gesellschaften in Kooperation gemeinsame Empfehlungen an die Bundesärztekammer. Der Ärztetag 2003 beschließt eine (Muster-)Weiterbildungsordnung, die anschließend von allen Landesärztekammern als Verordnung umgesetzt wurde (Deutscher Ärztetag 2003). Definition: Die Andrologie umfasst Prävention, Diagnostik, konservative Behandlung und Rehabilitation von Fertilität-, Ejakulations- und Erektionsstörungen, den primären und sekundären Hypogonadismus, die Pubertas tarda sowie die Seneszenz des Mannes und partnerschaftliche Störungen. Weiterbildungszeit: 18 Monate in einer Weiterbildungsstätte für Urologie oder für Haut- und Geschlechtskrankheiten oder für Innere Medizin, Schwerpunkt Endokrinologie oder in einem Zentrum für Reproduktionsmedizin. Angerechnet werden können: 6 Monate Andrologie während der Weiterbildungszeit zum Facharzt für Urologie oder Haut- und Geschlechtskrankheiten oder Innere Medizin, Schwerpunkt Endokrinologie. Führungsfähig für: Dermatologen, Endokrinologen, Urologen. |
| 2004 | Die Andrologie ist bis heute eine lebendige Subspezialität in der Dermatologie, davon zeugt dieses Bild vom Treffen der führenden Kliniker und Wissenschaftler auf der Wartburg (Abb. 3). Klinische und wissenschaftliche Arbeitsgruppen in der Andrologie gibt es an vielen Hautkliniken. Ebenso sind die dermatologischen Andrologen auf Kongressen und in Zeitschriften präsent. |
| 2013 | Andrologie wird heute von Angehörigen der oben genannten Fächer in unterschiedlichem Umfang vertreten. Die das Fach repräsentierende "Deutsche Gesellschaft für Andrologie" zählt unter ihren 600 Mitgliedern überwiegend Urologen. Inhaber der Weiterbildung Andrologie gehören ebenfalls überwiegend der Urologie an. Konsequent ist es daher, dass andrologische Leistungen in viel größerem Umfang von Urologen abgerechnet werden als von anderen Fächern. Zahlreiche dermatologische Universitätskliniken bieten jedoch andrologische Spezialsprechstunden an (Krause 2012). |
Literatur
Dokumentation: Deutscher Ärztetag Entschließungen zum Tagesordnungspunkt II: Novellierung der (Muster-)Weiterbildungsordnung. Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1516/B-1260/C-1182.
Editorial. Andrology as a specialty. JAMA 1891; 17: 691.
Günther E, Schreiber G, Thiel W:Quo vadis andrologia? Dermatol Monatsschr. 1979; 165: 752-757.
Krause W: Andrologie in der Dermatologie – Entstehung und Entwicklung. omnimed derm 2012; 18: 99-106.
Niemi M. Andrology as a Specialty Its Origin. J Androl 1987; 8: 201-202.
Jamieson J. Sex in health and disease. Aust Med J 1887; IX: 145-158.
Jequier AM. Edward Martin (1859-1938). The founding father of modern clinical andrology. Intern J Androl 2008;14: 1-10.
Mazzini I. L`andrologia celsiana ed il suo contesto. Med Secoli. 2001; 13(2): 313-32.
Müller W. Über die Bedeutung der Infertilität des Mannes in der Medizingeschichte. Inaug. Diss. Würzburg 1957.
Niemann H. Münster I. Paul Jordan zu seinem 65. Geburtstag. Hautarzt. 1967; 18(12): 561.
Schirren C. Andrologie in der Dermatologie. In: Standort und Ausblick der deutschsprachigen Dermatologie. Hrsg G. Stüttgen, Berlin, Grosse 1989.
Walker K Diseases of the Male Organs of Generation. London, Henry Frowde and Hodder and Stoughton, 1923.
Wöllmann T. Andrologie - Wie die Medizin die Männer entdeckt. In: Dinges M, Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wandel. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Beiheft 27, Stuttgart, Franz-Steiner-Verlag 2007.
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