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  • Schwierigkeitsgrad Fortgeschrittene

13 p-Aminodiphenylamin – ein wiederentdecktes berufliches Kontaktallergen?

Esther Domagalski, Jasmin Baratli, Christoph Skudlik, Swen M. John
Dermatologie, Umweltmedizin und Gesundheitstheorie der Universität Osnabrück

vorgestellt als Dia-Klinik DDG-Jahrestagung, Dresden 2011

DOI

Anamnese

Durch den Betriebsarzt eines großen Sondermüllentsorgers erfolgte die Zuweisung des 29-jährigen Patienten. Der Patient stellte sich mit seit 2 Jahren bestehenden, rezidivierend auftretenden Rötungen und Schwellungen mit Juckreiz im Bereich des Gesichtes, des Halses und der Unterarme vor. Die ersten Hauterscheinungen seien nach zwei- bis dreimaligem Kontakt zu einem bestimmten Destillationsrückstand während der beruflichen Tätigkeit aufgetreten.
Der Patient sei seit 3 Jahren Anlagenfahrer in der Sondermüllentsorgung eines überregionalen Entsorgungsunternehmens. Im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit habe der Versicherte Destillationsrückstände aus der gummichemischen Industrie, die in flüssiger Form angeliefert werden, in offene Mulden gefüllt und nach dem Aushärten mittels Bagger zerkleinert. Während des Zerkleinerungsprozesses hätten sich große Mengen von Stäuben entwickelt. Anschließend sei der Destillationsrückstand mit anderen Abfallstoffen vermischt und verbrannt worden. Gemäß auswärtiger Befunde zeigte sich in einer Epikutantestung eine zweifach positive Testreaktion gegenüber N-Isopropyl-N-phenyl-4-phenylendiamin (IPPD) sowie eine einfach positive Testreaktion gegenüber p-Phenylendiamin.

Hautbefund

(letztmalige berufliche Exposition gegenüber Destillationsrückständen 3 Tage vor der Untersuchung):
Im Bereich der Wangen bds., paranasal bds., temporal bds. sowie perioral zeigten sich diffuse flächige mäßig ausgeprägte Erytheme mit teils diskreter feinlamellärer Schuppung (Abb. 1).

Diagnostik

Unter der Verdachtsdiagnose eines aerogenen allergischen Kontaktekzems erfolgte in unserem Hause eine ergänzende Epikutantestung mit den DKG-Reihen: p-Aminoverbindungen, Acrylate/Methacrylate, Isocyanate.
Darüber hinaus erfolgte eine Epikutantestung mit der Einzelsubstanz p-Aminodiphenylamin 0,25 % in Vaseline (Bezug der Reinsubstanz über die Fa. Merck-Chemicals), die gemäß dem uns vorliegenden Sicherheitsdatenblatt in dem Destillationsrückstand enthalten ist.
Nach 24-stündiger Okklusion erfolgte die Ablesung nach 24, 48 und 72 Stunden. Es zeigte sich nach 72 Stunden eine dreifach positive Testreaktion auf p-Aminodiphenylamin sowie eine zweifach positive Testreaktion auf p-Aminoazobenzol (Abb. 2, Tab. 1). Unter der Epikutantestung zeigte sich ein Wiederaufflammen der entzündlichen Hauterscheinungen im Gesichtsbereich, vermutlich im Sinne eines Rebound-Phänomens („Homing-T-Cells-Phänomen“).
Die auswärts ermittelten Typ-IV-Sensibilisierungen gegenüber N-Isopropyl-N-phenyl-4-phenylendiamin (IPPD) und p-Phenylendiamin sowie die unsererseits dokumentierten Spättypsensibilisierungen gegenüber p- Aminodiphenylamin und p-Aminoazobenzol sind wahrscheinlich Ausdruck einer Kreuzsensibilisierung.

Tabelle 1

PosSubstanznameVeKonz24h48h72h
1p-AminodiphenylaminVAS0,25 %+++++++++
2p-AminoazobenzolVAS1 %++++

Therapie und Verlauf

Allgemein

Anhand der erhobenen Typ-IV Sensibilisierungen sowie des zeitlichen Zusammenhangs zwischen Auftreten der Hauterscheinungen und der Verarbeitung des p-Aminodiphenylaminhaltigen Destillationsrückstandes, diagnostizierten wir ein aerogenes allergisches Kontaktekzem bei Typ-IV-Sensibilisierung gegenüber p-Aminodiphenylamin. Aufgrund der Auslösung eines allergischen Kontaktekzems schon bei aerogener Exposition gegenüber geringen Staubmengen sind die Möglichkeiten der individuellen Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung eines Rezidivs des aerogenen allergischen Kontaktekzems begrenzt. Daher wurde im Rahmen einer Interaktion zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer, zuständigem Unfallversicherungsträgers sowie in Kooperation mit unserem Hause eine Umstellung des Arbeits-/ Entsorgungsprozesses gefunden, durch die eine Staubentwicklung vermieden werden konnte. Destillationsrückstände werden nun direkt in Transportfässern der Verbrennung zugeführt, ohne dass zunächst eine Aushärtung und Zerkleinerung erfolgt. Durch die technisch einfache Änderung des Verarbeitungsablaufes konnte die Entwicklung p-Aminodiphenylaminhaltiger Stäube verhindert werden. Bei weiteren Kontrolluntersuchungen des Patienten fanden sich entsprechend weder klinisch noch anamnestisch Rezidive des allergischen Kontaktekzems im Gesichtsbereich.

Kommentar

P-Aminodiphenylamin (Synonym: N-Phenyl-p-Phenylendiamin) zählt zu den häufig untereinander Kreuzsensibilisierungen aufweisenden, parasubstituierten Aminoverbindungen und findet in der Kautschukverarbeitung, aber auch als Farbstoffprodukt Verwendung. Die Substanz ist in der TRGS 907 – sensibilisierende Stoffe – gelistet. Entsprechend des ehemals allergologisch relevanten Vorkommens in Haarfärbemitteln wurden Sensibilisierungen bei Friseuren häufiger beschrieben; entsprechend war p-Aminodiphenylamin von 1990 bis 1991 in der Friseurreihe der DKG enthalten. Nach unserer Kenntnis sind jedoch keine Kasuistiken einer beruflichen p-Aminodiphenylamin-Allergie außerhalb des Friseurgewerbes publiziert.
Zusammenfassend zeigt dieser Fallbericht, dass auch seltene bzw. nicht (mehr) in den DKG- bzw. kommerziellen Testreihen enthaltene Allergene bei Verdacht auf ein berufsbedingtes allergisches Kontaktekzem berücksichtigt werden sollten.
Insbesondere konnte gezeigt werden, dass anhand einer dezidierten Arbeitsplatzanamnese bei Vorliegen eines aerogenen Kontaktekzems und durch präventive Maßnahmen im Sinne einer Umstellung des Arbeitsprozesses ein Berufsverbleib erfolgreich erzielt und Rezidive verhindert werden konnten.

Literatur

1. Frosch PJ, Barrows D, Camarasa JG, Dooms-Goosens A, Ducombs G, Lahti A, Menne´ T, Rycroft RJG, Shaw S, White IR, Wilkinson JD: Allergic reaction to a hairdessers series: results from 9 European centres. Contact Dermatitis. 1993; 180-183.
2. Hemmer W, Focke M, Kriechbaumer N, Götz M, Jarisch R: Active Sensitization to p-aminodiphenylamin. Contact Dermatitis. 1997; 37: 238.
3. Hoting E, Baum C, Schulz KH: Untersuchung zur Frage der Kreuzallergenität von amino- und nitrosubstituierten aromatischen Verbindungen. Dermatosen. 1995; 43: 50-8.
4. Yamano T, Shimizu M: Skin sensitization potency and cross-reactivity of p-phenylendiamine and its derivatives evaluated by non-radioactive murine local lymph node assay and guineapig maximization test. Contact Dermatitis. 2009; 60: 193-8.

 

 

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