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  • Schwierigkeitsgrad Fortgeschrittene

6 Hereditäre kutane Leiomyomatose mit assoziiertem Nierenzellkarzinom

Silja Domm1, Jorge Frank2, Regine Gläser1
1 Klinik für Dermatologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Kiel
2 Department of Dermatology and GROW - School for Oncology and Developmental Biology, Maastricht University Medical Center (MUMC), Maastricht, The Netherlands
vorgestellt als Dia-Klinik, 46. DDG-Tagung, Dresden 2011

DOI

Anamnese

Eine 52-jährige Patientin stellte sich mit histologisch gesicherten Piloleimyomen im Bereich des oberen Rückens in unserer Klinik vor. Die Hautveränderungen hatten vor ca. 16 Jahren begonnen, waren im Verlauf progredient und verursachten gelegentlich leichte Schmerzen und Mißempfindungen. Aus kosmetischer Indikation waren bereits größere Leiomyome extern exzidiert worden. Zudem war im Alter von 37 Jahren aufgrund symptomatischer Uterusmyome eine Hysterektomie erfolgt.

Die Familienanamnese war leider nur eingeschränkt zu erheben, da der Kontakt zu den meisten Familienmitgliedern seit Jahren abgebrochen ist. Bei der Schwester der Patientin war jedoch ebenfalls bereits eine Myomenukleation im Alter von ca. 35 Jahren durchgeführt worden. Zudem war die Mutter der Patientin mit 52 Jahren an einem Mammakarzinom erkrankt. Bei den eigenen Kinders (1 Sohn und 1 Tochter), sowie dem Bruder der Patientin und der Großmutter mütterlicherseits sind soweit bekannt bisher keine kutanen Leiomyome bzw. bei den Frauen kein Uterus myomatosus diagnostiziert worden. In Zusammenschau dieser Befunde wurde die Verdachtsdiagnose einer hereditären Leiomyomatose gestellt und die Patientin zur weiterführenden Untersuchung und Beratung in unsere Klinik überwiesen.

 

Hautbefund

Links scapulär zeigte sich eine solitäre hautfarbene Papel, rechts scapulär sowie im Bereich der rechten Schulter bestanden weitere gruppierte, maximal ca. erbsgroße hautfarbene bis rötliche Papeln ohne epidermale Beteiligung.

Dermatohistopathologie

Exzision rechts scapulär, Dr. Lau, Heide:
Mesenchymaler Tumor bestehend aus breiten Zügen glatter Muskelzellen mit überwiegend länglich abgerundeten Zellkernen. Kein Anhalt für Malignität.

Diagnose: Kutanes Leiomyom.

Apparative Diagnostik

CT Abdomen: Malignomsuspekter Befund im linken Nierenbecken. Zur weiteren Diagnostik wurden eine Sonographie und gegebenenfalls MRT empfohlen.
MRT Abdomen: Malignomsuspekter Befund im linken Nierenbecken (V. a. intrazystischen Prozess), Nephrektomie empfohlen.

Therapie und Verlauf

Allgemein

Der Verdacht auf einen malignen Prozess in der linken Niere wurde in der anschließenden MRT-Untersuchung des Abdomens erhärtet, so dass im Verlauf eine Nephrektomie erfolgte. Die histopathologische Aufarbeitung führte zur Diagnose eines intrazystischen papillären Nierenzellkarzinoms (Typ I), (G2), Tumorstadium pT1a (16 mm), L0, V0, R0. Die anschließend durchgeführten weiteren Staging-Untersuchungen waren unauffällig.
Bei nun hochgradigem Verdacht auf eine hereditäre Leiomyomatose mit Nierenzellkarzinom führten wir eine DNA-Analyse des Fumarathydratase (FH)-Gens durch und konnten eine Missense-Mutation, p.M382V, nachweisen. Da eine Behandlung der kutanen Leiomyome von unserer Patientin aktuell nicht gewünscht wurde, veranlassten wir eine humangenetische Beratung mit der Option einer anschließenden molekulargenetischen Untersuchung weiterer Familienmitglieder. Die bisherige Nachsorge ist bis zum jetzigen Zeitpunkt unauffällig.

Kommentar

Bei der hereditären kutanen Leiomyomatose (OMIM 150800) findet sich eine Assoziation von mitunter schmerzhaften kutanen und uterinen Leiomyomen. Dieses Syndrom war früher unter dem Namen „Reeds-Syndrom“ bekannt und wird im englischen Sprachgebrauch auch als „multiple cutaneous and uterine leiomyomatosis syndrome“ bezeichnet. Aufgrund möglicher gynäkologischer Komplikationen wird bei betroffenen Patientinnen häufig bereits vor dem 30. Lebensjahr eine Hysterektomie durchgeführt. Zudem besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Nierenzellkarzinomen, ein Krankheitsbild, das als hereditäre Leiomyomatose mit Nierenzellkarzinom (OMIM 605839) bezeichnet wird. Beiden Erkrankungen liegen heterozygote Keimbahnmutationen im FH-Gen zugrunde. Dieses Gen kodiert für das gleichnamige Enzym FH, das eine wichtige Rolle im Zitratzyklus einnimmt und die Konvertierung von Fumarat zu Malat katalysiert. Homozygote FH-Mutationen führen bereits früh zu schwersten Entwicklungsstörungen und sind in der Regel nicht mit dem Leben vereinbar. Mittlerweile konnten bereits über 70 verschiedene FH-Mutationen nachgewiesen werden.

Kutane Leiomyome, auch als Piloleiomyome bezeichnet, sind seltene, glattmuskulär differenzierte Tumoren der Haut. Sie zeigen ein sehr variables klinisches Erscheinungsbild und können als solitäre Läsionen oder disseminiert auftreten. Wichtigste Differentialdiagnosen sind Mastozytome, eruptive Syringome, Neurofibrome, Trichofollikulome oder papulöse Akneläsionen. Da bei der hereditären Leiomyomatose häufig zuerst die kutanen Leiomyome auftreten, stellen sie eine wichtige Markerläsion zur frühzeitigen Diagnose assoziierter Organbeteiligungen dar und sollten daher möglichst schnell durch eine histologische Untersuchung verifiziert werden.

Die derzeitigen Behandlungsmöglichkeiten kutaner Leiomyome sind leider beschränkt. Operative Maßnahmen oder eine analgetisch-symptomatische Therapie mit z.B. Gabapentin oder Nifedipin sind therapeutische Optionen. Betroffene Frauen sollten zudem regelmäßig gynäkologisch untersucht werden und bei Vorliegen von Uterusmyomen bereits frühzeitig eine Beratung im Hinblick auf die Familienplanung erhalten. Die wichtigste Maßnahme bei hereditärer kutaner Leiomyomatose ist jedoch ein jährliches Screening zur Früherkennung eines Nierenzellkarzinoms. Wie am Beispiel unserer Patientin deutlich wird, ist die alleinige Durchführung einer Sonographie jedoch nicht ausreichend, da aufgrund einer möglichen identischen Dichte von Tumorgewebe und Nierenparenchym durch diese Untersuchung allein keine ausreichende Sensitivität gegeben ist. In der Regel wird daher die Durchführung eines CT-Abdomens oder eine MRT-Untersuchung empfohlen, wobei es derzeit noch keine allgemein anerkannten Leitlinien gibt.

Eine FH-Mutationsanalyse zur Sicherung der Diagnose wie bei unserer Patientin ist in spezialisierten Zentren möglich und sollte immer zusammen mit einer humangenetischen Beratung erfolgen, um den Betroffenen die Konsequenzen der Diagnose nahezubringen, betroffene Familienmitglieder zu identifizieren und ebenfalls in ein Screening-Programm integrieren zu können.

Literatur

Badeloe S, Frank J (2009) Clinical and molecular genetic aspects of hereditary multiple cutaneous leiomyomatosis. Eur J Dermatol 19: 545-551
Frey MK, Worley MJ, Heyman KP et al (2010) A case report of hereditary leiomyomatosis and renal cell cancer. Am J Obstet Gynecol 202: e8-9
Gläser R (2010) Kutane Leiomyome. Hautarzt 61: 265-266
Onder M, Glenn G, Adisen E et al (2010) Cutaneous papules, uterine fibroids, and renal cell cancer: one family’s tale. Lancet 375: 170
Smit DL, Mensenkamp AR, Badeloe S et al (2011) Hereditary leiomyomatosis and renal cell cancer in families referred for fumarate hydratase germline mutation analysis. Clin Genet 79: 49-59
Tomlinson IP, Alam NA, Rowan AJ et al (2002) Multiple Leiomyoma Consortium. Germline mutations in FH predispose to dominantly inherited uterine fibroids, skin leiomyomata and papillary renal cell cancer. Nat Genet 30: 406-410

 

 

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