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  • Schwierigkeitsgrad Fortgeschrittene

16 Flagellanten-Dermatitis auf Steinpilze

Valerie Letulé, Thomas Herzinger, Peter Thomas, Burkhard Summer, Franziska Ruëff, Sonja Molin
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
vorgestellt als Dia-Klinik, 23. Fortbildungswoche für praktische Dermatologie und Venerologie, München 2012

DOI

Anamnese

Die 56-jährige Patientin stellt sich mit Hautveränderungen am Stamm und an den Oberschenkeln vor, die über Nacht aufgetreten seien. Drei Tage zuvor habe sie in einem italienischen Restaurant gegrillte Pilze verzehrt. Die Patientin ist ansonsten gesund und nimmt keine Medikamente ein. Sie arbeitet als Teamassistentin bei einem Mobiltelefonhersteller. Eine Rücksprache mit dem Koch des italienischen Restaurants ergab, dass für das fragliche Gericht ausschließlich Steinpilze verwendet werden.

Hautbefund

Am Stamm und an den Extremitäten peitschenhiebartige, linear konfigurierte, parallel angeordnete, erythematöse Plaques.

Allergologische Diagnostik

Pricktest: Im Standardpricktest mit gängigen Aeroallergenen lediglich Reaktion vom Soforttyp auf Katzenhaare, keine Reaktion vom Spättyp.
Prick-to-Prick-Testung: Positive Spättypreaktionen mit Crescendo nach 48 Stunden auf Shiitake-Pilz, Steinpilz und Kräuterseitling. Bei der gleichen Testung zeigten sechs gesunde Kontrollpersonen keine Reaktion vom Sofort- oder Spättyp.
LTT (Lymphozytentransformationstest): Im Lymphozytentransformationstest zeigt die Patientin im
Vergleich zu den gesunden Kontrollen eine leicht erhöhte antigenspezifische Proliferationsrate auf alle drei Pilzarten (Steinpilz, Shiitake, Kräuterseitling).

Histopathologie

Orthohyperkeratose mit fokaler Parakeratose; darunter nicht wesentlich veränderte Epidermis. In der oberen und mittleren Dermis vorwiegend perivaskulär akzentuiertes, gemischtzelliges Entzündungsinfiltrat aus Lymphozyten, Histiozyten und eosinophilen Granulozyten. In der PAS-Färbung kein Hinweis auf eine Pilzinfektion. Beurteilung: Vereinbar mit Flagellantendermatitis.

Labor

Eosinophilie mit 5,6 % [<4 %], CRP mit 1,41 mg/dl [<0,05 mg/dl] erhöht, Gesamt-IgE 16 kU/l [<100 kU/l].

Therapie

Allgemein

Unter der topischen Therapie mit Glukokortikosteroiden der Klasse II (Hals) und III (übriges Integument) sowie antipruriginöser Therapie mit Antihistaminika Abheilung der Hautveränderungen nach wenigen Tagen.

Kommentar

Die typischen peitschenhiebartigen Hautveränderungen der Flagellanten-Dermatitis, welche der Erkrankung ihren Namen gaben (flagellum = lat. Geißel), wurden vornehmlich im asiatischen Raum im Zusammenhang mit dem Verzehr von Shiitake-Pilzen (Lentinula edodis) beobachtet, daher auch die synonyme Bezeichnung Shiitake-Dermatitis. Die pathognomonischen Hautveränderungen wurden auch als kutane Nebenwirkung während einer zytostatischen Therapie mit Bleomycin, Peplomycin und Docetaxel und als Nebenbefund bei Dermatomyositis beschrieben.
Bisher ist die Pathogenese der Flagellanten-Dermatitis ungeklärt. Neben toxischen Reaktionen auf das
Polysaccharid Lentinan (ein natürlicher Inhaltsstoff des Pilzes) werden auch Köbnerisierung durch Kratzen sowie UV-A-Photoprovokation diskutiert. Es sind bisher nur wenige Fälle beschrieben, bei denen es zu positiven Hautreaktionen nach Prick-to-Prick-Testung kam. Allergische Kontaktdermatitiden an Händen und Gesicht treten gelegentlich bei Shiitake-Züchtern auf. Eine Flagellanten-Dermatitis nach dem Verzehr von Steinpilzen (Boletus edulis) wurde bisher nicht beschrieben.
Anamnese und Pricktestreaktionen bei der hier vorgestellten Patientin legen nahe, dass es sich hier um eine allergische Typ-IV-Reaktion mit hämatogen-allergischer Kontaktdermatitis handelt.

Fazit

Für die Pathogenese der Flagellanten-Dermatitis scheint  eine allergische Spättypreaktion auf ein bisher nicht identifiziertes, verschiedenen Pilzarten gemeinsames Allergen verantwortlich zu sein, weshalb sie auch nach dem Genuss einheimischer Pilze auftreten kann.

Literatur

Bundesinstitut für Risikobewertung, Stellungnahme vom 23. Juni 2004: http://www.bfr.bund.de/cm/343/gesundheitliches_risiko_von_shiitake_pilzen.pdf
Kopp T, Mastan P, Mothes N, Tzaneva S, Stingl G, Tanew A (2009) Systemic allergic contact dermatitis due to consumption of raw shiitake  mushroom. Clin Exp Dermatol, 34: 910-913.
Maier T, Herzinger T (2007) Flagellanten-Dermatitis auf Shiitake-Pilze. Hautarzt 58: 1021-1022.
Szabo N, Reich K, Martin V, Breuer K (2011) Zwei Fälle von Flagellanten-Dermatitis nach dem Verzehr von Shiitake-Pilzen mit Spätreaktionen im Prick-zu-Prick-Test. Allergo J 20: S58.
Yamamoto M, Nishioka K (2006) Flagellate erythema. Int J Dermatol 45: 627-631.

 

 

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